“Sandman Teil 5: Über die See zum Himmel” – aka “A Game of you”
Kritiken, Vertigo/Wildstorm-Rezis |
26. Dezember 2008 11:27 Uhr |
Bateman |
Im fünften Teil der Sandman-Saga ist der englische Titel wesentlich treffender. “Ein Spiel von dir” beschreibt die Spielregeln, wie diese Geschichte erzählt wird und wie die Regeln in den zwei Welten, die man hier besucht, lauten. Vom Inhalt her erinnert einem das an Geschichten wie “Oz” oder “Dem Herrn der Ringe” aufgrund der langen Odysee, die die Helden hier vor sich haben und von der Beschreibung der Figuren. Doch erst im Detail wird die ganz spezielle Zauberwelt von Neil Gaiman einzigartig.
DIe Hauptperson trägt den Namen Barbie und wohnt in einem Wohnblock mit überwiegend anderen Frauen. Ihre Welt gerät aus den Fugen, als ein riesiger Hund sie heimsucht und mit ihr redet und einer ihrer Mitbewohner Raben zu den anderen Menschen im Block schickt, die den Menschen Alpträume bringen. Schnell wird ihr klar, dass sie in einer anderen Welt, einer Traumwelt, gebraucht wird und begibt sich dahin, um mit ihren Freunden gegen den “Kuckuck” zu kämpfen. Doch nicht alles ist so, wie es scheint und die Regeln dieser Welt werden erst dann offensichtlich, wenn Dream sich einmischt.
Am vorigen Band habe ich gerade die Einfacheit des Plots bewundert, hier trifft es nur teilweise zu. Der Plot ist zwar im positiven Sinne recht einfach gestrickt, aber die Regeln dieser Welt sind derart verworren, dasss ein erneutes Lesen und ein Umstellen der Denkweise auf eine abstrakte Art von Vorteil sind. Nach dem ersten Lesen wollte ich dem Heft lediglich drei Sterne geben, was für eine Arbeit von Gaiman sehr wenig ist, nach dem erneutem Durchblättern lassen sich aber interessante Details erkennen.
Grundsätzlich gilt, dass die Geschichte weniger originell ist. Die Fantasiewelt ist gerade am Anfang, als Barbie ihre Odysee hat, eine weitere Kopie von den typischen Fantasyschinken. Es gibt einen bösen Herrscher, eine Auserwählte, die mit ihren Freunden den bösen König stürzen will. Dazu gibt es lebende Bäume, sichere Pfade und die Wachen des Imperiums. Das klingt alles wenig originell. Die andere Welt, die parallel erzählt wird, ist dafür umso interessanter. Denn in der “realen” Welt bekommt man wieder interessante und liebenswürdige Hauptpersonen vorgesetzt. Sei es Dream selber oder ein Transvestit, wenn Gaiman eine Figur als Hauptperson auserkoren hat, dann findet man sie auch in dieser Rolle interessant. Auch die unscheinbare Hexe und das merkwürdige Lesbenpaar sind alles Charaktere, die einen Charme besitzen, den nur Gaiman erschaffen kann.
Erst ab der zweiten Hälfte wird auch die Fantasywelt vielschichtiger. Der Kuckuck hebt sich vom typischen Bösen ab und stellt sich noch als die perfekte Parabel einer solchen Figur heraus, Dream mischt sich ein und stellt die Realität der Welt auf seine Weise fest und Barbies Gedankenwelt bekommt einen Bezug zu dieser Welt. Sprich: Es wird alles nachdenklicher und philosofischer.
Generell ist gerade die Zahl “zwei” in dieser Ausgabe sehr wichtig. Dieses Spiel, was Gaiman mit einem spielt, dreht sich um das Sichtbare und das Unsichtbare. Oder besser gesagt um zwei Ebenen. Sei es der Anfang, wo visuell und per Text erzählt wird oder das Geschlecht von Wanda, wo ihr verräterisches Geschlechtsorgan in der Unterhose für den Leser unsichtbar bleibt. Hier ist auch Barbie die perfekte Figur. Die, die sich so verloren fühlt, malt sich z. B. einen Trauerschleier ins Gesicht. Für den Leser ist es schwer, das Reale vom Irrealen zu unterscheiden. Dazu dreht sich auch alles um das Schicksal. Sei es Barbie, die ihrer zweiten Welt entkommen ist oder Wanda, die ihrem Geschlecht entfliehen will und sich so einen neuen Namen zulegt.
Dabei ist diese Geschichte in den richtigen Momenten bitterböse. Sei es aufgrund des Inhalts, wenn Wanda trotz all ihrer Bemühungen für ihre Verwandten immer noch Alvin heisst oder generell am Ende nicht alles befriedigend läuft. Auch das Beispiel, dass Gaiman Märchen schreibt, kommt mit dieser Geschichte am stärksten hervor. Diese Geschichte ist so sehr an einem Märchen verhaftet, dass es einen umso mehr trifft, wenn die Protagonisten schwere Schicksale erleiden oder Gaiman gezielt die Gewalt in hohem Maße einsetzt, dass man wieder als Leser auf den Boden der Tatsachen geworfen wird.
Ich muss aber zugeben, dass es mich störte, dass die Geschichte auf den ersten Blick zu gewöhnlich war und zu sehr 08/15 Fantasy entsprach. Ich konnte mich außerdem nicht wirklich in die Geschichte reinversetzen, wie es sonst immer der Fall war.
Auch zeichnerisch wieder höchst passend. Im Gegensatz zum Vorgänger ist der Stil hier mit sehr dünnen Strichen versehen und selten mit irgendwelchen Schatten versehen. Die Geschichte bietet dafür Ereignisse und Landschaften, wo sich die Zeichner gut austoben können.
Großes Lob, dass das Vorowort diesmal besser ist und man eine kleine Stütze bekommt, um die Geschichte eher zu verstehen.
Für mich eher eine schwächere Geschichte in einer der wichtigsten Comicreihen. Trotzdem ein kleines Meisterwerk.



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