1 Star2 Stars3 Stars4 Stars5 Stars (1 Stimmen, im Schnitt: 2 von 5) Loading ... Loading ...

Blassgelbe Kornfelder soweit man sehen kann, das Land ist gesprenkelt mit alten Scheunen und Bauernhäusern, die Zeit scheint hier anders zu laufen; das ist der Mittlere Westen der USA. Die Menschen hier sind einfache, hart arbeitende Leute, die Probleme auf eigene Weise lösen, doch in den Kellern und Dachböden der finsteren Häuser verbergen sich so manche Geheimnisse. Ketten rasseln und grobe Findernägel kratzen an verschlossenen Türen. Steve Niles ( 30 Days of Night) will mit “Freaks of the Heartland” eine etwas andere Horrorgeschichte erzählen. Mit einer ruhigen, gefühlvollen Story soll das Fürchten gelernt, Mitleid erweckt, und die Idee von Toleranz ausgedrückt werden. Dies gelingt aber leider nur teilweise.

Im kleinen, abgelegenen Gristlewood Valley wächst der junge Trevor Owen auf. Er ist ein normales Kind, ganz im Gegenteil zu seinem jüngeren Bruder, Will. Dieser hat ein stark degeneriertes Äußeres und ist mit seinen 6 Jahren schon 2m groß. Deswegen hat ihr gewalttätiger,trinksüchtiger Vater ihn in der Scheune angekettet und versteckt ihn vor der Öffentlichkeit. Trevor kümmert sich um Will und so haben die beiden eine innige Geschwisterbeziehung. Dann entschließt sich der Vater seinen mutierten Sohn in die Hölle zu schicken, wo dieser, seiner Meinung nach herkommt. Da sehen sich die beiden Brüder gezwungen ihren Erzeuger zu töten. Nach der Tat fliehen die beiden mit dem Ziel das Tal zu verlassen. Bald stellt sich heraus, dass fast jede Familie in Gristlewood ein mutiertes Kind hat und Trever und Will beschließen alle zu befreien. Dies sehen die Bürger und vor allem der brutale Sheriff der Stadt nicht gerne, so dass eine Hetzjagd auf die “Monster” veranstaltet wird.

Der Mittlere Westen ist im Horror-Genre ein beliebter Ort, den ich persönlich sehr schätze. Doch gerade wegen der Fülle an Material, das dort spielt, erfordert es gewisses Maß an Originellität, damit eine neue Geschichte dort auch gut wird. Auch wenn das Thema “mutierte Menschen” in diesem Zusammenhang bestimmt nichts Neues ist, versucht Niles Originelles zu schaffen, indem er Aspekte eines Dramas in die Story flechtet. So geht vor allem darum, dass diese Geschöpfe missverstanden sind. Sie sind weder böse noch dumm und wir Menschen haben nur Probleme mit ihnen, weil sie anders aussehen. Daraus ergeben sich aber zwei, nicht gerade positive Folgen für das Comic.

Zum ersten verliert das Comic, sobald man weiß ,dass Will und seine Leidensgenossen gar keine “echten” Monster sind fast jede furchteinflößende Wirkung. Der Horroraspekt geht also unter, denn auch wenn aufgebrachte Farmer mit Schrotflinten zwar auch nichts sind dem man gerne begegnet, so treffen sie doch nicht recht den Nerv ,der für echten Horror getroffen werden muss. Und zweitens erscheint der Dramaaspekt in einer derart seichten und stereotypen Weise, dass echte Emotionen beim Leser nur an wenigen Stellen entstehen. So bekommt man zu den allgemein recht abgegriffenen Charakteren, so gut wie keine Hintergründe; Figuren wie den trinkenden Farmer ,der seine Familie terrorisiert( der hat allerdings auch eine gefühlvolle Szene mit Trevor) und den brutalen, herrschsüchtigen Sheriff sind wohl kaum innovativ. Die Beziehungen zwischen den Figuren sind auch nur schlecht ausgearbeitet. Zumindest ist das entscheidende Verhältnis zwischen Trevor und Will halbwegs nachvollziehbar und gut gestaltet, so dass es diese Beziehung ist, die den Leser bewegen kann. Aber wie diese Charaktere zu anderen Figuren stehen, beispielsweise ihrer Mutter, bleibt undurchsichtig.

Das schlechtetste an diesem Comic ist meiner Meinung nach die Figur des Will, denn Niles übertreibt in seiner Botschaft, dass nicht das Äußere zählt, maßlos. So ist Will, abgesehen von seiner verformten Gestalt und seinem Sprachfehler, eigentlich ein Superman: Er ist stärker und schneller als ein Mensch, ist mental mit anderen Mutierten verbunden, kann Feuer spucken und ist ,obwohl er erst 6 ist, sein Leben in einer Scheune verbracht hat und nur mit seinem Bruder sprechen konnte, geistig erstaunlich weit entwickelt. Und noch weiter scheint er auch moralisch unglaublich erhaben, denn er kann es kaum übers Herz bringen Raupen zu essen, da er ihnen das Leben nehmen würde und der Fund, dass alle Mutierten angeblich im Kindbett gestorben sind, bereitet ihm höchst dramatisch inszeniert fast körperliche Schmerzen. Niles stellt so also sicher, dass auch wirklich jeder begreift, dass Will ein liebenswerter Mensch ist, der es nicht verdient als Monster behandelt zu werden. Sicherlich ruft gerade diese Darstellung, wenn Will attakiert wird, das starke Ungerechtigkeitsgefühl im Leser hervor, aber es scheint als wird die Botschaft von Toleranz einem mit dem Holzhammer eingeprügelt und die Frage ist ob man dies nicht auch hätte subtiler machen können. Mir persönlich ist Will außerdem ein zu unlogischer Charakter.

Sein Bruder Trevor ist zwar auch stellenweise etwas blass gestaltet und wirkt etwas zu abgeklärt für sein Alter( vielleicht gewollt), erscheint aber sonst recht solide und man sich kann sich in ihn am besten hinein versetzen. Nur die angedeutete Romanze mit dem Nachbarmädchen am Ende wirkt sehr gezwungen, als ob die Story noch unbedingt eine weibliche Rolle und eine Lovestory gebraucht hätte und sie noch halb durchdacht reingezwängt wurde.

Greg Ruths Zeichungen allerdings machen fast alles richtig was die Story falsch macht. Er kombiniert sehr realistische Figuren mit leicht surrealen Hintergründen. Dabei verwischt er die Konturen und coloriert sehr passend fast alles in blassen Gelb- bis Ockertönen bei Tag und blassen Grau- bis Blautönen bei Nacht. Die Gesichter sind recht eindrucksvoll schattiert und spiegeln erstaunlich wirklichkeitsnah die Emotionen der Charaktere wieder. So ist es gerade den Zeichnugen zu verdanken, dass Gefühle der meist eindimensonalen Figuren doch noch wirksam transportiert werden. Düstere und bedrohliche Kulissen liefern sich mit diesen Figuren ein Duell um die schönste Zeichnung. Besonders die Kapitel Covers sind eindrucksvoll schön und erschreckend zu gleich. Ruth schafft mit seinen Zeichnungen also den Spagat zwischen Horror und Drama wirksam einzufangen. Etwas, dass man von der Story leider nicht sagen kann.

“Freaks of the Heartland” ist ein Comic, das viel will, aber dieses nur auf zeichnerischer Ebene erreicht. Die Idee inhaltlich sehr anspruchsvolle Comic zu erschaffen finde ich mehr als gut, aber dann richtig. Steve Niles ist ja ein recht berühmter Autor, aber leider habe ich von ihm noch nichts richtig gelesen, so dass ich denke dass sein “straight horror” vielleicht besser geschrieben ist. Für jeden, den die Zeichnungen ansprechen und der die Mid-west-Atmosphäre mag, könnte das Comic aber doch etwas sein.

Verwandte Artikel