Warum ich Comics liebe! Teil 2:”Watchmen” – Das Buch der Bücher!
Kritiken, US-Rezis, Vertigo/Wildstorm-Rezis |
7. Dezember 2008 14:24 Uhr |
Bateman |
Ende der 80er sagte Frank Miller zu Alan Moore, dass sein Werk “Der dunkle Ritter kehrt zurück” wohl der Tod der klassischen Superhelden sei, aber “Watchmen” wäre dann das dazugehörige Grab. 1987 ist das wohl wichtigste Werk der Comiczunft erschienen. Nichts hat weitere Werke so geprägt wie dieses zwölfteilige Meisterwerk. Oft wurde die Grundthematik um Ethik kopiert, aber nicht einmal im Ansatz erreicht. “Watchmen” hat mich als Leser so geprägt wie kein anderes Werk. Es ist das wichtigste, was ich jemals gelesen habe und vielleicht je lesen werde. Und dabei darf man nicht es nicht mit anderen Comics vergleichen, denn es besitzt eine Tiefe und Komplexität wie die ganz großen Bücher.
Das Werk thematisiert dabei verschiedene Problematiken der heutigen Zeit bzw. der Zeit des “Kalten Krieges”. Auf der letzten Seite, vollkommen weiß, steht lediglich “Quis custodiet ipsos custodes”/ Who watches the watchmen?. Zu deutsch übersetzt: “Wer wird die Wächter überwachen?” Eine elementare Frage, die sich konsequnt durchs gesamte Werk zieht und auch heute immer noch aktuell ist. Wer passt auf die Menschen auf, die uns kontrollieren? Gerade zu Zeites des Krieges, wo in den Medien nur noch gelogen wird, um die Wahrheit zu verschleiern und die Tatsachen verdreht werden, um einen Krieg herbeizuführen, eine delikate Frage.
Doch thematisch hört diese hier Geschichte nicht auf, sondern geht einige Schritte weiter. Die Frage, um die grundsätzlichen Grundsätze unseres Lebens werden angeschnitten. Was ist in unserem Leben vorgeschrieben, was liegt in unserer Natur und was nicht? Was ist ethisch korrekt und was nicht? Oder gibt es diese unsichtbare Grenze um Ehtik nicht? Kann man mit bösen Taten Gutes vollbringen und anders herum? Wann gehört man selber zu der Einheit, wo man immer glaubte, auf der komplett anderen Seite zu stehen? Gut und Böse sind zwei Seiten, die eigentlich sich mehr ähneln als unterscheiden. Eine erschrekende Erkenntnis, die man als Leser hier vorgeführt bekommt.
Frank Millers Werk “Der dunkle Ritter kehrt zurück” war sicherlich auch ein wichtiges Werk dieser Zeit und es behandelte mit der Schurken/Helden Problematik ebenfalls, was Gut und Böse ist oder ob es da überhaupt einen Unterschied gibt, allerdings kommt es nicht einmal im Ansatz an “Watchmen” heran. Ja, es wirkt geradezu eindimensonal. Denn “Watchmen” ist für den gemeinen Leser geradezu eine Wohltat, sogar eine Herausforderung. Die Geschichte wird von unzähligen Personen erzählt, dabei wechselt nicht die Sicht der Person, sondern auch die Erzählweise. Bei allen wichtigen Personen wird ein Stück ihrer Vergangenheit gelüftet und elementare Handlungspunkte werden immer wieder auftauchen, nur die Sicht ändert sich. So verhält es nicht auch mit bestimmten markierten Objekten, die für die Handlung tragend sind und überall wieder auftauchen. So verhält es sich mit dem verhängnisvollen Smiley, der beim Tod des Comedians zum ersten Mal auftaucht oder der lateinische Spruch, der überall als Graffiti auf den Wänden auftaucht.
“Watchmen” spielt zur Zeit des “Kalten Krieges”. Nur im Gegensatz zur realen Welt hält der Krieg noch weiter an und Russland ist Ende der 80er immer noch der starke außenpolitische Gegner. Seit den ersten Comics von Superman fühlten siche einzelne Menschen auserwählt, ihren Idolen es gleich zu tun und gründen die erste Liga der Superhelden. Die “Minute Men” sind gegründet, doch in den 70ern kommt aus dem Senat der “Keene-Act”, der die Existenz der Superhelden vebietet. Die maskierten Rächer fangen an, für den Staat zu arbeiten, im Schatten ihres Daseins nur noch zu leben, für die Wissenschaft arbeiten, ein Imperium aufzubauen oder, wie Rohrschach, trotzdem noch weiterzumachen. Als einer seiner alten Kollegen von einem Unbekannten ermordert wird, ist Rohrschach durch das Attentat wach gerüttelt. Er glaubt an eine Verschwörung und sucht seine früheren Freunde auf, die ihm dabei helfen sollen. Doch keiner glaubt ihm und mehr und mehr frühere Helden verschwinden plötzlich. Als Rohrschach langsam das Rätsel entlüftet, ist es erschrekender, als er je geglaubt hat.
Das ganze Werk ist mehr oder weniger ein “Was wäre, wenn die Superhelden in unserer realen Welt wären?”. Wie würden sie in die Politik und ins Weltgeschehen eingreifen? Wie würde der Pöbel auf sie reagieren?
Der Tiefgang, den Moore für die Charaktere benutzte, ist ohnesgleichen als perfekt zu beschreiben. Er beschreibt sie realer und besser, als man “Batman”, “Superman” und andere Figuren, die schon seit Jahrzehnten existieren, je waren. Dafür lässt er sich genügend Zeit und widmet ganze Kapitel den Helden. Kapitel, wo man in deren Vergangenheit blickt. Ängste und Beweggründe zu sehen bekommt, deren Probleme mit dem Partner und schreckliche Geheimnisse gelüftet bekommt. Zwischen den Kapiteln liest man noch mehrere Seiten jeweils von verschiedenen fiktiven Büchern. Sei es Polizeiberichte, Biografien einzelner Helden oder Vogelbücher.
Die verschiedenen Handlungsstränge sind dabei äußerst faszinierend und intelligent miteinander verknüpft. Man erlebt alles durch die Ex-Helden, verfolgt aber auch das Abenteuer durch die Augen eines Kioskbesitzers und eines Jungen mit, stellvertretend für den Pöbel und verfolgt noch eine “Piraten-Comicgeschichte”, die der Junge liest, mit. Eine Comicgeschichte gezeichnet von Orlando, einem echten Zeichner von Horrogeschichten, der damit eine Hommage bekam.
So konsequent wie die Problematik um Ehtik beantwortet wird, so konsequent werden auch die Charaktere erzählt. Am ehesten ist Rohrschach, der einzig verbliebende Held, die Hauptfigur, doch er dient nicht als Identifikationsfigur, genauso wenig wie irgendjemand anders. Seine fanatische Handlungsweise, gepaart mit brutaler Entschlossenheit und Starrsinn macht ihn nicht zu dem klassischen Helden. So kann man sich ebenfalls nicht mit dem kalten Dr. Manhatten arrangieren und beim arroganten Ozymandias fällt die Anpassung auch schwer. Auch die Coolnes des Comedians verfällt für den Leser, als er eine Vietnamesin erschießt, die schwanger ist.
Während viele Comics, gerade Superhelden-Comics eine Beleidigung fürs Hirn sind, und eher dem Auge dienen, ist “Watchmen” eine Wohltat für den Kopf. Es fordert dem Leser heraus, der Geschichte zu folgen und auch danach noch weiterzudenken, denn schließlich verlässt das Werk einen mit der unbeantworteten Frage, die der Leser für sich selber beantworten muss. Die zahlreichen Anspielungen und versteckten Hinweise sind so lohnenswert, dass man das Werk ruhig mehrere Male lesen sollte, um es wirklich zu verstehen. Es ist so komplex, dass ich mir selber noch nicht mal wirklich vorstelle,
eine berechtigte und gelungene Kritik darüber schreiben zu können.
“Watchmen” ist die perfekte Anleitung für das Graphic Novel. Bietet es schließlich alles. Auch die Zeichnungen sind perfekt und stehen dem Inhalt in nichts nach. Sparsam aber gut verteilt werden Splashpages gezeigt, die ihre Kraft und ihren Ausdruck voll entfalten können.
Man sollte sich beim Lesen von “Watchmen” viel Zeit lassen. Ich brauchte weit mehr als zwölf Stunden und war damit noch sehr schnell, glaube ich zumindest.
Ich könnte noch weitaus mehr schreiben, aber irgendwo muss Ende sein. Das Werk ist einfach zu umfangreich, um es in einer Kritk einfach abzuhandeln. Das hat es auch einfach nicht verdient. Es hat einen Grund, dass es eins der wichtigsten Romane in der Liste der hundert wichtigesten Bücher des “Time Magazine’s” ist.
Das ist das Buch, was eine ganze Industrie und ein Medium verändert hat.
Wenn man mit Graphic Novels noch nichts anfangen konnte, sollte man mit diesem Werk beginnen, und wenn man seit längerer Zeit Graphic Novels liest, ist es erst recht die Zeit, um es zu lesen. Es wird nichts Vergleichbares geben.





3 Kommentare | Einen eigenen Kommentar schreiben
Sag mal, kann es sein das Marvel sich bei dem Civil War Event etwas an dieses Werk anlehnt
(Staatliche Superhelden und so)?
Mir war bisher nur vergönnt von Alan Moores Verfilmungen recht begeistert zu sein. Ich werde dann wohl mit diesem Buch anfangen ihn zu lesen.
08.12.08 23:02 Uhr | | Nach oben
Jein…Sicherlich wurde man dadurch vielleicht inspiriert, allerdings ist der Schwerpunkt beim Civil War, soweit ich weiß, ja um das neue Gesetz und die, die sich dagegen wehren. “Watchmen” spielt aber Jahre nach dem Gesetz und es dient lediglich als Erwähnung für das Wesen der Charaktere. Ist die “Civil War”-Thematik nicht generell so ne grundlegende Idee, auf der viele Marvel-Geschichten basieren? Beispielsweise bei den X-Men, meine ich…
10.12.08 17:55 Uhr | | Nach oben
Ja, für die x-men trifft das auf jedenfall zu, deswegen halten die sich in Civil War wohl auch so zurück.
10.12.08 18:41 Uhr | | Nach oben
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