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Ende der 80er erschuf Alan Moore ein Graphic Novel, welches zur Zeiten der bunten Superhelden einen traurigen Abgesang darauf schuf. Sein Werk behandelte u.a. die tiefsten Abgründe verkleideter Menschen und der Angst vor einem Nuklearkrieg. Die Geschichte wird heute noch gefeiert und kam in die Liste der “hundert besten Bücher” vom “Time Magazine” hinein. Unter Kennern gilt “Watchmen” bis heute noch als unverfilmbar und nach drei Anläufen es auf die Leinwand zu bringen, die alle vor der Fertigstellung scheiterten, versuchte es jetzt ein Jungspund namens Zack Snyder. Wider allen Regeln wagte er viel und schuf einen Film, der so nah an der Vorlage ist, wie es nur ging. Der beste Comic aller Zeiten wurde verfilmt und erklomm auch in der Filmgeschichte eine weitere Stufe im Genre der “Comicverfilmungen”. Meine erste echte “Filmperle” 2009.

Man erlebt eine Geschichte in einer Parallelwelt, wo ganz normale Menschen in Kostümen das Gesetz verteidigen wollten. Doch aufgrund von Unruhen wurde das Dasein als Superheld in Amerika verboten und alle “Watchmen” zogen sich in ein normales Leben zurück. Bis dann einer von ihnen zur Zeit des “Kalten Krieges” brutal getötet wird. Während die meisten früheren Helden hinter dem Attentat nichts weiter sehen, glaubt “Rohrschach”, der letzte aktive Verbrechensbekämpfer, dass jemand die Helden von früher umbringen will. Und als weitere Attentate folgen und der einzige wirkliche Held mit Kräften verschwindet, scheint der Plan des mysteriösen Fädenziehers aufzugehen. Ein Nuklearkrieg zwischen Amerika und Russland kommt.

Das ist allerdings nur die oberflächliche Geschichte von “Watchmen”. Schon in den ersten Minuten erkennt man, worum es unterschwellig wirklich geht. Der “Kalte Krieg” und die Angst vor dem Nuklearkrieg bzw. dritten Weltkrieg werden hier ausführlich behandelt. Der Film spielt dabei zur Amtszeit von Nixon und holt die Themen aus den 80ern wieder in die aktuelle Welt. Die Superhelden, die in diesem Film leben, sind keine Supermänner sondern fast ausnahmslos einfache Menschen ohne Kräfte, die sich wegen ihren Komplexen verkleideten. Ihre seelischen Abgründe sind mindestens so dunkel und tief wie die unseren und zeigen, was mit großer Macht folgt. Dabei wird das Thema Moral, um genau zu sein “Gut und Böse” und dessen Konsequenzen sehr geschickt thematisiert. Kann man mit bösen Handlungen Gutes erreichen und ist das auch seelisch vertretbar? Wo sind die Grenzen der Zivilcourage? Ist man überhaupt ein Held oder doch der Bösewicht? Darf man sich überhaupt als Gott aufschwingen und bestimmen, was “Gut” und was “Böse” ist? Ist man “gut”, wenn man für sein Land als Held dient, auch wenn man dafür töten muss?

Mit all diesen Themen und vielen weiteren wird man sich auseinandersetzen müssen, wenn man “Watchmen” schaut. Dabei erklimmt der Film eine weitere Stufe in der Filmgeschichte der Comicverfilmungen. Das bewährte Muster, nämlich den Helden des Films mit seiner Entstehungsgeschichte einzuführen und dem Zuschauer dann den Bösewicht vorzustellen, hat hier ausgedient. All die typischen Klischees einer Comicverfilmung sind verschwunden und endlich schaffte man es, ein ganzes Universum zu erzählen. Ich hoffe ja, dass “The Avengers” von Marvel das in dem Punkt auch gut schaffen wird. An die Fertigstellung vom “JLA”-Projekt von DC kann man ja nicht mehr hoffen.

Ich habe übrigens “The dark knight” für die, besser gesagt eine der besten Comicverfilmungen gehalten, dabei setzt “Watchmen” ganz andere Schwerpunkte. “Dark knight” war ein Unterhaltungsfilm mit etwas Anspruch, “Watchmen” besitzt Anspruch und liefert nebenbei auch Unterhaltung. Man kann nur noch bedingt von “Popcorn-Kino” reden.

Der Graphic Novel war damals inhaltlich und zeichnerisch seiner Zeit weit vorraus und ist es auch immer noch. Bis heute gibt es kein Werk, welches ansatzweise diese Komplexität besitzt. Auch Werke wie “Kingdom Come” behandelten Politik und Moral bis zu einem gewissen Grad, kamen aber nicht an das Original ran. Ich bleibe immer noch dabei, dass man “Watchmen” nicht verfilmen kann, denn die Erzählstruktur ist immer noch einzigartig komplex und verschachtelt. Eine unglaublich detaillierte Geschichte, die durch wesentlich mehr Handlungssträngen, als die Verfilmung besitzt, erzählt wird und sogar durch Ausschnitte von Romanen bzw. Sachbüchern die Grenzen eines Comics ablegte. Der Regisseur des Films, Zack Snyder, legte zwar den Romanabschnitt weg wie auch die animierte (!) Piratengeschichte und einzelne Vertiefungen im Comic, davon profitierte der Film aber. Mehr hätte inhaltlich nicht gepasst, es wäre auch alles viel zu überladen geworden, dafür ist der Rest überwiegend 1:1 umgesetzt worden und kann sich damit mit der originaltreuen Umsetzung von “Sin City” messen. Der animierte Teil über den Piraten, “Tales of the black freighter”, kommt übrigens auf der DVD-Version mit rauf.

Auch künstlerisch versuchte man viel zu investieren. Die geschickten Bewegungsabläufe einzelner Figuren und Szenen, die der Zeichner Dave Gibbons im Comic geschickt darstellte, wirken zwar im Film im Vergleich einen Tick schlechter. Das ist aber auch der einzige Kritikpunkt, denn man kann getrost sagen, dass Regisseur Zack Snyder sich noch weiter entwickelt hat. “Watchmen” wurde großartig und stimmig inzeniert, so dass man ständig einen kleinen Schauer als Fan spürt. Nicht nur wegen der Originaltreue, sondern wegen seinen Bildern und der Atmossphäre, die er schuf. Eine düstere und kalte Welt erwartet einem, die, das ist das Schlimmste dabei, einem erschreckend real vorkommt, denn sie ist nicht weit von der unseren entfernt. Dies wurde mit großartigen Bilder umgesetzt, wo ein überwältigendes Bild das nächste jagt. Sei es die Explosion einer Atombombe oder die Darstellung einer gläsernen Uhr auf dem Mars.

Auch die musikalische Untermalung macht sich bemerkbar. Die Generationen der Helden wurde durch die Musik der 60-80er Jahre ebenfalls konsequent dargestellt und untermalt auch inhaltlich, wie Nenas “99 Luftballons” es beweist. Der Regisseur arbeitete die Musik so geschickt in den Film hinein, wie man es sonst nur von den Werken von Tarantino gewohnt ist.

Zum guten Schluß muss man auch auf künstlerischer Ebene die Kampfszenen erwähnen. Schon im Comic waren sie opulent inzeniert, trotzdem war das Werk inhaltlich eher realistisch geblieben und so auch die Kämpfe. Mit dem Regisseur Zack Snyder hatte man nun jemanden geholt, der speziell auf stylische Kämpfe fixiert ist. Diese sehen unheimlich gut und “cool” aus und sorgen zwischen den langen Dialogen für Action, anderseits hat es dieses Werk aber nicht nötig einen gewissen Teil seiner Zeit damit zu “verschwenden”. Da dieser Film aber unheimlich speziell ist, kann man dem Regisseur widerum kaum einen Vorwurf machen, das Werk durch zahlreiche Kämpfe massenfreundlicher zu machen. Und ich gestehe, irgendwie finde ich sie auch verdammt geil. Aber generell ist die gesamte Darstellung der Helden einfach zu cool und verzerrt damit die Ansichten der eigentlichen Geschichte, die ja gerade erzählen will, dass es nur einfache Menschen mit Komplexen in Kostümen sind und keine wahren Helden im klassischen Sinne.

Leider gibt es noch andere Kleinigkeiten, die durch den Regisseur negativ auffallen. Sei es die Tatsache, dass es zu wenig erklärt wird, wieso die Konturen von Rohrschachs Maske sich die ganze Zeit bewegen oder die Tatsache, dass auch viele andere wichtige Informationen aufgrund von Zeitmangel nur angedeutet werden.

Da kommen wir aber auch gleich zur nächsten Thematik. Die Änderungen vom Comic zum Film. Inhaltlich wurde nur geschnitten, um das Werk ansatzweise auch zu einem Film zu machen, wirklich geändert wurde lediglich das Ende, welches nicht mehr ganz so bunt geworden ist. Inhaltlich blieb die Thematik der Bedrohung und damit die Idee des ganzen, es wurde nur optisch etwas angepasst. Dies ist aber positiv, da das richtige Ende in einem Film lächerlich gewesen wäre. Ansonsten fällt einem als Fan des Comics der erhöhte Brutalitätsgrad auf. Ich hatte die Befürchtung, dass “Watchmen” zu nett sein wird, zu harmlos, um ihn für die Masse anschaubar zu gestalten. Dies ist zum Glück nicht eingetreten, fast schon mehr das Gegenteil. Gewalt und Sex gehören zu “Watchmen” einfach dazu, denn sonst könnte man die Botschaften des Films auch nicht deutlich genug erzählen, aber im Film sind alle Gewaltszenen sehr freizügig ausgeschmückt. Zerplatzte vorher jemand, so sieht man jetzt noch zusätzlich die Gedärme, wurden auf jemanden tote Hund mit offenen Köpfen geworfen, so bekommt die selbe Person im Film noch ein Beil in den Kopf. Es tat einfach nicht Not und zeigt leider Snyders Besessenheit auf Gewalt, was man schon bei seinem vorigen Film “300″ erahnen konnte. Es sind zwar nur leichte Ausschmückungen, aber diese sorgen wahrscheinlich dafür, dass der Film vielleicht die FSK 18 statt FSK 16 bekommt. Das wäre allerdings sehr schade, da so wahrscheinlich noch weniger Leute diesen gelungenen Film sehen werden.

Man hatte schon früher versucht “Watchmen” zu verfilmen, damals scheiterte schon die Produktion bei den Anfängen, allerdings waren damals große Schauspieler im Gespräch. Dies ist in der Verfilmung von Snyder nicht der Fall. Man kennt kaum einen von den Schauspielern, aber das macht nichts. Die noch etwas unbekannteren Schauspieler spielen die Charaktere unglaublich gut und mit dem erforderlichen Tiefgang. Gerade die Hauptperson “Rohrschach” spielt sehr überzeugend, obwohl man sein echtes Gesicht kaum sieht und auch der Darsteller vom Comedian spielt sehr überzeugend.

Das Tolle am Film sind neben der Erzählweise und den politischen Thematiken die Figuren. Jede Figur ist äußerst menschlich und alles andere als ein Abziehbild. Jeder ist in sich widersprüchlich. Allein die Hauptperson “Rohrschach” bringt jedem Verbrecher brutal um, ist aber nicht bereit seine moralische Sichtweise zu ändern, also etwas Böses zu machen, um damit etwas Gutes zu bewirken. Der “Comedian” quält gerne Menschen und hat auch keinen Skrupel eine schwangere Frau umzubringen, bricht aber zusammen, als er von einem Plan hört, der selbst für ihn moralisch verwerflich ist.

Man muss Zack Snyder diesen Film hoch anrechnen. Snyder hat neben “Dawn of the dead” und “300″, die beide sehr erfolgreich waren, nur eine Produktionsfirma mit seiner Frau. Seit Beginn seiner Karriere geht selbige steil nach oben, aber ob sie das nach diesem Film immer noch machen wird, ist äußerst fraglich. Ein sehr brutaler Film, der gleichzeitig mehr mit den Charaktermomenten besticht, trotzdem extreme Kampfszenen besitzt und noch dazu politisch aktuell wie kaum etwas anderes in dem Genre ist. Schwer, dafür eine Zielgruppe zu finden. Obwohl ich mit “Dawn of the dead” kaum was anfangen konnte und auch “300″ kritisch gegenüberstehe, muss ich ihm sein Projekt “Watchmen” somit als berufliches Risiko hoch anrechnen. Quasi als “Anti-George Lucas/Steven Spielberg” machte er diesmal wirklich einen Film für die Fans, den die Masse aber wahrscheinlich leider nicht ansprechend finden wird. Ich wünsche es diesen Film mehr als alles andere, dass er Erfolg haben wird, aber er ist aus meiner Sicht zu seltsam und zu brutal. Selten ein so mutiges Filmprojekt gesehen und das in einer Zeit, wo im “Filmgeschäft” nur noch das Geld regiert und somit immer die selben langweiligen Filme gedreht werden.

Besonders klasse ist, dass Zack Snyder versucht hat, den Film ebenfalls mit kleinen Details auszustatten, wie es bei dem Original üblich war. So sieht man ständig am Anfang Rohrschachs “wahres” Ich, Andeutungen zu Silk Spectres Verwandschaft oder ständig den Satz auftauchen “Who watches the watchmen?”, der auch inhaltlich ständig als Leitfaden auftaucht. Auch genial ist die Marketingkampagne zum Film, dass man in vielen Kinos einen “Watchmen-Smiley” als Button geschenkt bekommt, der durch den Film mehr Bedeutung hat, als es normalerweise bei Werbegeschenken üblich ist.

Alan Moore, der Macher des Comics, hatte übrigens schon im Vorfeld gesagt, dass er sich den Film nicht anschauen wird und sich auch vom selbigen distanzieren wird. Meines Wissens sah er bisher von den derzeit vier Verfilmungen seiner Werke nur “V für Vendetta” an und war auch über diesem empört. Der Mensch, der wie eine Mischung aus “Hagrid” und “Gandalf” ausschaut, ist zwar mehr als krude, man muss ihm seine Genialität für das Schreiben von Geschichten einfach zu Gute halten.

Ich könnte diesen Post noch ins Endlose erweitern. Würde am liebsten die Details erwähnen, die Zack Snyder in dem Film einbaute oder erklären, warum der Film trotz einer Spiellänge von über 2 1/2 Stunden immer noch zu wenig Charaktertiefe bietet und könnte auch Vermutungen anstellen, was in dem Directors Cut drin ist, der, laut dem Regisseur, den Figuren mehr Tiefe bietet, der aber wegen der Länge vom Studio abgelehnt wurde.

Um aber ein Fazit zu machen, kann ich nur sagen, dass es für mich die beste Comicverfilmung und auch vielleicht die treuste Umsetzung ist. Man merkt, dass alle Beteilligten hier mit viel Liebe gearbeitet haben und etwas schufen, was in Hollywood nicht üblich ist. Einen Film, der als “schnöde und zu bunte Comicverfilmung”, wie Ignoranten es ausdrücken könnten, bei mir mehr zum Nachdenken und Diskutieren angeregt hat, als alles, was ich in letzter Zeit gesehen habe. “Watchmen” ist großes Kino, welches wegen seiner Extravaganz hoffentlich überhaupt Publikum finden wird. Verdient hätte es es aber auf jeden Fall. “Watchmen” ist mein erstes Filmhighlight 2009 und Fans von Superhelden, die auch einer tiefgründigeren, politischen Geschichte nicht abgeneigt wären, sollten sich den Film unbedingt anschauen. Sie verpassen sonst etwas.

Am 5. März kommt der Film in die deutschen Kinos.

In dem Sinne: “Who watches the watchmen?”


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